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22. April 2012

Grußwort von Sabine Stüber (MdB) zur feierlichen Einweihung der Gedenktafel für die homosexuellen Männer im KZ Ravensbrück

Ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. (Bertolt Brecht) 

Dieses Schicksal – wirklich tot zu sein, weil niemand mehr an ihn denkt – drohte nach 1945 tausenden schwulen Männern, die von den Nazis nach § 175 verurteilt worden waren. Aber auch allen anderen verfolgten und ermordeten Homosexuellen. 

Unmittelbar nach ihrem Machtantritt hatten die neuen Machthaber begonnen, schwule Männer systematisch zu verfolgen. Die Zerstörung des Magnus-Hirschfeld-Instituts und die Verbrennung seiner wissenschaftlichen Werke stehen dafür symbolisch. Es folgte die drastische Verschärfung des Paragrafen 175 im Jahr 1934. Dieser Schandparagraf sorgte bereits zu Zeiten der Weimarer Republik für die strafrechtliche Verfolgung sexueller Handlungen unter Männern. Nun waren allerdings nicht nur die sogenannte „widernatürliche Unzucht“ unter Männern strafbar, sondern bereits Blicke und Anbahnungsversuche von Kontakten. Die wissenschaftliche Forschung spricht davon, dass über 100.000 schwule Männer polizeilich erfasst wurden und rund 50.000 nach diesem verschärften Paragraf 175 verurteilt.  

Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges schwiegen tausende Homosexuelle über das ihnen gegenüber verübte Unrecht. Der Paragraf galt fort, in der alten Bundesrepublik sogar in der verschärften Fassung der Nazis. Er sorgte für weitere menschenrechtsverletzende Verfolgung und Verurteilungen. Und er sorgte dafür, dass die Nazi-Opfer schwiegen.  

„UM-queer e.V.“ – der Verein zur Integration und Vernetzung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern in der Uckermark – arbeitet seit Jahren daran, die Toten dem Vergessen zu entreißen. Von Beginn der Initiative des seinerzeit LesBiSchwulen Netzwerks in der Uckermark beteiligt sich die Gruppe am Gedenken für die von den Nazis verfolgten und ermordeten Homosexuellen. Seit 2010 sogar mit einem eigenen Projekt „Gedenktafel für die Homosexuellen im KZ Ravensbrück“.  

Heute wird die erste diesbezügliche Gedenktafel für die schwulen Männer im Männerlager des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück eingeweiht. 

Eine weitere Gedenktafel für die lesbischen Frauen aller Häftlingsgruppen in Ravensbrück soll folgen. Mit ihr werden weitere Tote dem Vergessen entrissen, was von Historikerinnen und Historikern als „beispielloses Vorhaben mit international herausragender Bedeutung eingestuft“ wird. 

Ich finde es bemerkenswert, dass Sie – verehrte Mitglieder des Vereins „UM-queer e.V.“ – sich bei Ihrer Arbeit an der Umsetzung des Projektes zu keinem Zeitpunkt von Ihrem Hauptziel haben abbringen lassen, das sich dem Gedenken an die von den Nazis verfolgten und ermordeten Homosexuellen widmet, egal welchen Geschlechts diese Menschen waren. Das mag im streng wissenschaftlichen Sinne umstritten sein. Rein menschlich betrachtet ist es aller Ehren wert, denn die Toten verdienen unser aller Gedenken mit der gleichen Aufmerksamkeit.